Kennen Sie die Geschichte Ihres Hauses?

Familie Plessner

Mohrenstraße 9b, 96450 Coburg

Die Meldekarte der Familie Plessner zeigt ihre Wohnorte in Coburg. Zunächst lebten sie in der Bahnhofstraße 10. Am 11. November 1926 zogen sie in die Mohrenstraße 9b.

Die Familie bestand aus Alfred und Marga Plessner sowie ihren Söhnen Horst und Wolfgang. Alfred Plessner wurde 1887 in Coburg geboren, seine Frau Marga, geb. Lohde, 1892 in Gerdauen in Ostpreußen. Die Meldekarte verzeichnet ihre Religionszugehörigkeit als „mosaisch“. Alfred war Kaufmann im Geschäft seines Vaters Julius Plessner, einem Korbwarenhändler. Die Trauung von Alfred Plessner und Margarete Lohde fand am 30.November 1914 in Berlin statt. Im Heiratseintrag erscheinen als Zeugen Arthur Lohde, „Apotheker“, vermutlich Margas Bruder, und Julius Plessner, „Korbwarenfabrikant aus Koburg“ – damals wurde der Stadtname durchgehend mit K geschrieben. Im Dokument ist Marga als „ledig und ohne Beruf“ verzeichnet.

Nach dem Ersten Weltkrieg ließ sich das Ehepaar in Coburg nieder. 1915 wurde der Sohn Horst, 1918 der Sohn Wolfgang geboren. Die Familie war integriert. Ihr Alltag unterschied sich nicht von dem anderer Coburger Familien – außer durch ihren jüdischen Glauben. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus änderte sich das. 1939 wurde die Heiratsurkunde erneut geöffnet und durch die Zwangsnamen „Sara“ und „Israel“ ergänzt. Auf ihrem Dokument ist der behördliche Vermerk am Rand deutlich sichtbar. Im selben Jahr leitete die Stadt Coburg Maßnahmen zur Ghettoisierung ein. In einem Schreiben an die Regierung von Oberfranken heißt es, „dass mit ganz wenigen Ausnahmen diese Juden nicht mehr mit Ariern zusammen in einem Haus wohnen“. Und weiter: „Wo dies noch der Fall ist, werden durch Umzug oder Auswanderung solche Wohnverhältnisse abgestellt.“

Ab April 1939 durften arische Hausbesitzer jüdischen Mietern fristlos kündigen. Die Familie Plessner musste daraufhin am 27. April 1939 in die Mohrenstraße 32 ziehen – zu diesem Zeitpunkt bereits umbenannt in „Straße der SA“. Das Haus war ein sogenanntes Judenhaus. 1941 wurden jüdische Menschen in Coburg zur Zwangsarbeit verpflichtet. Marga Plessner arbeitete in der Porzellanfabrik Griesbach in Cortendorf. Die körperlich belastende Tätigkeit musste unabhängig vom Alter ausgeführt werden.

Im September 1941 wandte sich Alfred Plessner als Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde mit einem Schreiben an den Oberbürgermeister. Jüdische Menschen wurden von Friseuren nicht mehr bedient, gleichzeitig durften sie den Ort ohne Genehmigung nicht verlassen. Alfred Plessner formulierte:

„Seit längerer Zeit werden die Juden in Coburg durch die Friseure nicht mehr bedient.“ „Um die Verwaltungspolizei nicht ständig durch solche Gesuche zu belästigen, richte ich […] die Bitte, die Angelegenheit nochmals zu besprechen.“

Nachdem sich kein Friseur bereitfand, einen privaten Raum für Haarschnitte aufzusuchen, bot Plessner sogar an, sich selbst ausbilden zu lassen. Das Gewerbeamt beantwortete den Vorgang am 2. Dezember 1941 mit dem Satz:

„Die Weiterbehandlung der Angelegenheit ist nicht mehr erforderlich, da inzwischen der Abtransport der Juden […] erfolgt ist.“

Am 27. November 1941 wurden Alfred und Marga Plessner nach Riga deportiert. Sie kehrten nicht zurück. Auf der Meldekarte wurde später der Eintrag „ausgebürgert am 19.2.1942“ ergänzt – drei Monate nach der Deportation.

Vor ihrer Deportation hatten Alfred und Marga Plessner versucht, die Flucht ihrer Söhne zu ermöglichen – ein Unterfangen, das in den späten 1930er Jahren für jüdische Familien immer schwieriger wurde. Visa, Schiffspassagen, Bürgschaften und Quoten bestimmten über Leben und Tod. Weltweit schlossen Länder ihre Grenzen, während gleichzeitig die deutschen Bestimmungen zur Ausreise immer restriktiver wurden. Horst Plessner verließ Deutschland 1938. Die Familie hatte es geschafft, für ihn eine Schiffspassage ab Hamburg zu organisieren. Er bestieg die St. Louis, ein Passagierschiff, das nur ein Jahr später – 1939 – tragische Berühmtheit erlangte, als es mit über 900 jüdischen Flüchtlingen keinen Hafen fand und nach Europa zurückkehren musste. Horst gehörte zu den wenigen, denen die Ausreise rechtzeitig gelungen war. Seine Überfahrt endete in New York. Er fand Arbeit und nahm den Namen Howard Plessner an.

Wolfgang Plessners Weg war noch gefährlicher. Nach der Reichspogromnacht wurde der 20- Jährige am 10. November 1938 verhaftet und zwei Monate in Hof festgehalten. Erst nach seiner Freilassung erhielt er die Möglichkeit zur Ausreise. Auf regulären Schiffen war kaum noch Platz für jüdische Passagiere, sodass er einen riskanten Weg wählte: Von Hamburg aus gelang ihm die Flucht mit einem Öltanker nach Guatemala. Guatemala war kein klassisches Exilland. Die kulturellen Unterschiede waren groß, die Sprache fremd, das Klima ungewohnt, und auch dort war das Leben für jüdische Flüchtlinge keineswegs einfach. Wolfgang profitierte jedoch von seiner Ausbildung in Neuendorf, wo er landwirtschaftliche Kenntnisse erworben hatte. Diese Fähigkeiten ermöglichten es ihm, in Mittelamerika Fuß zu fassen. Der Aufbau eines neuen Lebens in Guatemala verlangte Kraft und Ausdauer: neue Sprache, neue Arbeit, völlig anderes Umfeld – und die ständige Ungewissheit über das Schicksal der Eltern in Deutschland. Später verließ er Guatemala und zog in die USA, nach Los Angeles. Dort legte er seinen deutschen Vornamen ab und nannte sich Walter Plessner. Beide Brüder bauten schließlich Familien in den USA auf. Heute leben zahlreiche Nachkommen von Alfred und Marga Plessner in mehreren Generationen weiter. Vor dem Haus Mohrenstraße 9b erinnern vier Stolpersteine an die Familie: zwei für Alfred und Marga, verlegt 2010, und zwei für Horst und Wolfgang, hinzugefügt 2022.

Und so freue ich mich berichten zu können, dass die Plessners trotz der Tragödie, die sie hier in Deutschland erlebt haben, weiterleben und sich zu einer großen Familie entwickelt haben. Wir danken Ihnen allen noch einmal, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Familie kennenzulernen und uns Ihr Zuhause und Ihr Herz zu öffnen. Vielen Dank!

Renee Plessner, Nachkommen, bei Denk Mal Am Ort Coburg 2025

Unterstützen Sie DMAO!

Mit Ihrer Spende setzen Sie ein Zeichen für eine weltoffene, vielfältige und demokratische Gesellschaft.

Unsere Partner